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Eine Begegnung mit der Angst



Gangaji mit einem Seminarteilnehmer (ST)
in Marin County, California
Intensive 10. November 2002


ST: Hi, ich möchte ein Gespräch über Angst führen.

Gangaji: Oh, lass uns nicht darüber reden. Du hast in deinem Verstand schon genug Gespräche über Angst geführt, oder etwa nicht?

ST: Ja, deshalb möchte ich ja mit dir sprechen.

Gangaji: Lass uns nicht noch eins führen.

ST: Ich möchte aber hier oben darüber sprechen.

Gangaji: Ja, aber es ist dasselbe. Warum überspringen wir nicht das Gespräch und laden die Angst direkt ein?

ST: Müssen wir?

Gangaji: Ja, es ist Zeit. Es ist so, als würde man sagen ‹Nun, lass uns ein Gespräch über einen Kuss führen› oder ‹Lass uns ein Gespräch über eine Umarmung führen›.

ST: Verflixt!

Gangaji: Möchtest du wirklich den Rest deines Lebens damit verbringen, darüber zu reden? Nein, dann wärst du nicht hier oben. Du würdest da unten in deinem Stuhl sitzen und weitere Gespräche über Angst führen. Stimmt's?

ST: Okay.

Gangaji: Also, jetzt, wo wir nicht mehr nur über die Angst reden, jetzt, wo wir sie einfach einladen, wo ist sie? Genau jetzt.

ST: Nun, es passiert immer nachts.

Gangaji: Nein, jetzt. Wir fangen mit dem Jetzt an.

ST: Ich weiß nicht. Da ist nur ein kleines bisschen, aber nicht ...

Gangaji: Wo? Finde sie. Ich würde ihr gerne begegnen.

ST: Sie ist in meinem Solar Plexus.

Gangaji: Okay, dann lass uns in deinen Solar Plexus eintauchen.

ST: Okay.

Gangaji: Dann lass dich sanft und leicht in deinen Solar Plexus sinken, in deine Angst hinein. Ich liebe es, der Angst zu begegnen. Die Angst ist mein Verbündeter. Sie ist auch dein Verbündeter. Du dachtest, sie sei ein Dämon, aber in Wahrheit ist sie ist ein Verbündeter.

ST: Nun, dessen bin ich mir nicht so sicher.

Gangaji: Du kannst dir nicht sicher sein, weil du immer wieder zurückweichst und ein Gespräch über sie anfängst.

ST: Darüber habe ich so meine Zweifel.

Gangaji: Ja, natürlich. Das ist doch genau der Tanz, nicht wahr? Das ist der Two-Step-Tanz: einen Schritt vorwärts, einen Schritt zurück.

ST: Richtig.

Gangaji: Aber ich bitte dich, für diesen einen Moment, die Zweifel zu vergessen und einfach die Angst zu haben. Die Zweifel sind das Gespräch, richtig? Nur für diesen einen Moment hör damit auf, denn deine Zweifel unterbrechen unsere Begegnung.

ST: Ja.

Gangaji: Ich halte also deine Hand, und du nimmst mich mit in dein Bewusstsein, damit du mich deiner Angst vorstellen kannst. Aber damit du mich deiner Angst vorstellen kannst, musst du erst deiner Angst begegnen.

ST: Sie ist in meinem Solar Plexus und meinem Herzen.

Gangaji: Ja, lass uns durch dein Herz eintauchen und dann im Solar Plexus landen. Ist in deinem Herzen genug Raum für unser vereintes Bewusstsein?

ST: Ja.

Gangaji: Sehr gut, dann lass uns da hineingehen. Einfach so.

ST: Ich fühle, dass es sich ausdehnt.

Gangaji: Sehr interessant.

ST: Und es bewegt sich irgendwie aus dem Bereich der Angst heraus.

Gangaji: Ja. Vielleicht war es nie Angst. Vielleicht war es eine Art Aufregung über deren Bedeutung du dir im Zweifel warst, vielleicht eine Energie der Erwartung.

ST: Eine Energie. Es ist eine Energie.

Gangaji: Ja, eine Energie, über die du dir im Zweifel bist, ist gleichbedeutend mit Angst.

ST: Stimmt genau! Sag das noch mal: ‹Eine Energie, über die du dir im Zweifel bist, ist gleichbedeutend mit Angst.›. Ja.

Gangaji: Und wenn du nur für eine Sekunde den Zweifel beiseite lässt, denn der Zweifel ist die Geschichte, er ist ein Gedanke, und dem begegnest, was du Angst nanntest, dann ist es eine Energie. Und es ist nicht nur eine Energie, sondern sie dehnt sich auch noch aus.

ST: Ja. Sie hat sich wirklich ausgedehnt.

Gangaji: Weiter und weiter und weiter, stimmt's?

ST: Weiter und weiter.

Gangaji: Weiter nach außen, weiter nach innen, tiefer und tiefer, höher und höher.

ST: Und es schien nichts Beängstigendes zu sein.

Gangaji: Ja, das ist es, was ich mit ‹Verbündeter› meine.

ST: Okay, Klasse! Wie kannst du… – wie kann man das in diesem Zustand zwischen Traum und Wachsein nutzen?

Gangaji: Warum willst du das nutzen?

ST: Weil es immer dann hoch kommt.

Gangaji: Ja.

ST: Es ist der reine Terror. Und es scheint meine Reaktion auf einen Traum zu sein – denn irgendwann habe ich erkannt, dass es nur eine Adrenalin-Reaktion auf einen Traum ist.

Gangaji: Sehr gut. Das ist dann ja sehr ähnlich, oder?

ST: Ja, es ist das gleiche.

Gangaji: ...eine Reaktion auf einen Traum.

ST: Gestern hatte ich so einen Traum, was mich verblüfft, denn er erschien, nachdem ich gestern hier mit dir zusammen war.

Gangaji: Ja, genau dann kommen die Dämonen aus dem Gebüsch.

ST: So war's auch, ziemlich gewaltig. Und ich war in unheimlicher Panik, mit pochendem Herzen. Ich brauchte einige Minuten, um mich zu beruhigen.

Gangaji: Du brauchst dich gar nicht zu beruhigen. Du musst dem einfach nur begegnen. Genau dasselbe passierte mir, wenn sich in meinem Leben etwas veränderte. Immer wenn es ein Ereignis in meinem Leben gab, das wirklich gut war - als ich den Mann traf, der mein Ehemann wurde oder wenn ich erfolgreich war oder wenn ich sonst etwas ‹erreicht hatte›. Und ausnahmslos kamen dann in der folgenden Nacht die Dämonen aus dem Gebüsch. Wenn der Tagtraum leichter und glücklicher wurde, dann wurden die nächtlichen Träume intensiver.

ST: Das ist interessant, dass du das sagst, denn als diese Erfahrungen begannen, ungefähr vor vier Jahren, war ich an einem Punkt, an dem ich sehr tiefe Erfahrungen des Erwachens hatte.

Gangaji: Ich bin nicht überrascht.

ST: Ja, ich habe diese beiden Dinge nie miteinander in Verbindung gebracht, aber jetzt, wo du das sagst...

Gangaji: Nun, Papaji hat mir folgendes gesagt: ‹Wenn jemand erwacht, dann kommen alle Götter und Dämonen der Vergangenheit, um ihn zurück zu gewinnen.› Das ist natürlich deine eigene Psyche. Das sind die Prägungen in der Psyche. Heute morgen habe ich noch gesagt, das das Gehirn buchstäblich neu programmiert werden kann, aber während dieser Neuprogrammierung versuchen alle diese alten Heimsuchungen, die hungrigen Geister, das alte Elend, noch einmal, sich in der Psyche Geltung zu verschaffen. Und genau hier, in dieser Begegnung, hast du die Angst erfahren.

ST: Ja, am Anfang, aber dann war es wie eine große Ausdehnung.

Gangaji: Ja, und ich sage – und das kannst du für dich selbst überprüfen, dass es immer so ist – es sieht nur wegen unserer Zweifel wie Angst aus, und deshalb gehen wir in die Kontraktion. Es sind die unterbewussten Zweifel an unserem Erwachen, die Zweifel an der Echtheit unserer Erfahrung, Zweifel an der Echtheit von allem, eben Selbstzweifel. Das ist quälend, und so ist es ein wirklicher Wendepunkt, wenn man endlich sagen kann ‹Okay, okay.› Ich erinnere mich daran, dass Papaji mir mal gesagt hat: ‹Wenn Gott herunter kommt und dir sagt, dass du nicht das Selbst bist, dann wende dich von ihm ab.› Und das bedeutet, dich der Angst zu stellen. Es ist, als wenn du sagst: ‹Okay, erschieß mich.›

ST: Ja, sprich weiter.

Gangaji: Oder – ‹Stich zu›.

ST: Genau, – ‹Was ist es, was du willst?›

Gangaji: So ist es. Das ist die klare Erfahrung der Angst. Im Traum, in der Nacht oder am Tag sagst du, ‹Okay, ich begegne dir. Bist du in meinem Herzen, so begegne ich dir in meinem Herzen. Bist du in meinem Solar Plexus – ich begegne dir, wo auch immer du bist.› Und dann findest du heraus, dass es nicht nur deine individuelle Psyche betrifft. Wir sprechen auch über die kollektive Psyche; nichts ist davon ausgeschlossen.


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Aktualisiert : 28.03.2018 01:04